Neuntöter im Auried: Was der Zeitpunkt verrät
- 28. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Aug.
Eine Futterübergabe, ein vorschneller Schluss und die Frage, weshalb eine Hecke allein noch keinen Lebensraum ergibt.
Am 29. Mai 2025 filmte ich im Auried eine kurze Szene, der ich zunächst keine besondere Bedeutung beimass. Ein Neuntötermännchen erschien mit Beute im Schnabel, flog zu einem zweiten Vogel und übergab sie ihm.
Die Sache schien klar: Das Männchen fütterte einen Jungvogel.
Ich speicherte die Aufnahme ab und beschäftigte mich nicht weiter damit. Der Film landete im Archiv, meine Deutung gleich mit. Es gab keinen Grund, daran zu zweifeln. Jedenfalls fast ein Jahr lang nicht.
Als ich Anfang Mai 2026 wieder im Auried unterwegs war, beobachtete ich eine sehr ähnliche Szene. Wieder erschien ein Männchen mit Beute. Wieder wartete ein zweiter Vogel darauf. Und wieder wechselte das Futter den Schnabel.
Diesmal passte etwas nicht.
Die Paarbildung hatte gerade erst begonnen. Von einem ausgeflogenen Jungvogel konnte zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede sein. Entweder verhielt sich der Neuntöter anders, als ich angenommen hatte, oder ich hatte ein Jahr zuvor etwas anderes gefilmt, als ich glaubte.
Also schaute ich mir die alte Aufnahme nochmals an. Nun erkannte ich auch den zweiten Vogel: kein Jungvogel, sondern ein Weibchen. Und eigentlich hätte mich bereits das Datum misstrauisch machen können. Auch der 29. Mai wäre für einen ausgeflogenen Jungvogel ausgesprochen früh gewesen.
Was ich beobachtet hatte, war eine Partnerfütterung, zu Beginn der Paarbildung genauer gesagt eine Balzfütterung.
Ich bin Naturfotograf, kein Ornithologe. Für eine vorschnelle Gewissheit hatte es damals trotzdem gereicht. Manchmal braucht es nicht nur einen zweiten Blick, sondern ein ganzes Jahr, bis sich eine Beobachtung richtig einordnen lässt.
Eine Mahlzeit mit Bedeutung
Für das Weibchen ist die übergebene Beute zunächst genau das: eine Mahlzeit. Die Bildung mehrerer Eier in kurzer Zeit kostet viel Energie. Später brütet das Weibchen allein, und die Versorgung durch das Männchen wird besonders wichtig.
Zugleich gehört die Futterübergabe zur Balz. Das Männchen demonstriert damit zumindest eines ziemlich zuverlässig: Es kann Beute finden und tragen.
Was auf menschliche Betrachter wie eine romantische Geste wirkt, hat also einen ausgesprochen handfesten Nutzen.
Blumen wären vermutlich weniger überzeugend.

Vogel mit der Vorratskammer
Seinen Namen verdankt der Neuntöter einem alten Volksglauben. Man meinte, er töte zunächst neun Beutetiere, bevor er zu fressen beginne.
Die Zahl ist erfunden. Das Verhalten dahinter ist es nicht.
Neuntöter spiessen grössere Insekten und gelegentlich kleine Wirbeltiere auf Dornen oder Stacheldraht. So können sie die Beute festhalten und leichter zerteilen. Finden sie mehr Nahrung, als sie gerade benötigen, legen sie auf diese Weise einen Vorrat an.
Der Dornbusch ist damit mehr als nur ein geschützter Platz für das Nest. Er dient dem Neuntöter als Sitzwarte, Jagdausgangspunkt und Vorratskammer. Vielseitiger lässt sich eine Hecke kaum nutzen.
Warum eine Hecke allein nicht genügt
So wichtig dornige Sträucher sind: Für einen guten Lebensraum braucht es mehr.
Zur Jagd ist der Neuntöter auf offene oder nur lückig bewachsene Flächen angewiesen. Dort findet er Heuschrecken, Käfer, Hummeln und andere grössere Insekten. Entscheidend ist nicht nur, dass genügend Beute vorkommt. Der Vogel muss sie auch entdecken und erreichen können. In dichter, hochgewachsener Vegetation bleibt selbst vorhandene Nahrung für ihn schwer zugänglich.
Geeignete Lebensräume bestehen deshalb aus einem Nebeneinander von dichten Dornensträuchern, extensiv genutzten Wiesen und Weiden, Säumen, Brachen und offenen Bodenstellen.
Im Auried und im Belpmoos findet der Neuntöter solche Strukturen noch nahe beieinander. Eine Hecke neben einer intensiv bewirtschafteten, artenarmen Wiese reicht dagegen nicht.
Eine Landschaft kann ausgesprochen grün aussehen und dem Neuntöter trotzdem zu wenig bieten.

Verbreitet und trotzdem unter Druck
Auf den Verbreitungskarten wirkt die Lage auf den ersten Blick wenig dramatisch. Der Neuntöter brütet weiterhin in vielen Regionen der Schweiz. Die Punkte auf der Karte sind noch da. Innerhalb seines Verbreitungsgebiets ist er jedoch vielerorts deutlich seltener geworden.
Zwischen 1990 und 2017 nahm der Schweizer Bestand gemäss Vogelwarte um rund 50 Prozent ab. Für die Jahre 2013 bis 2016 wurde er auf 10'000 bis 15'000 Brutpaare geschätzt. Besonders deutlich waren die Verluste in früheren Verbreitungszentren im Jura, im Wallis und im Tessin.
Bei der Beurteilung von 2021 wurde der Neuntöter deshalb von «nicht gefährdet» auf «potenziell gefährdet» hochgestuft.
In den letzten Jahren entwickelte sich der nationale Bestand wieder günstiger. Für 2025 schätzt die Vogelwarte 15'000 bis 30'000 Brutpaare. Diese Zahl lässt sich allerdings nicht einfach mit früheren Schätzungen verrechnen. Die aktuelle Bandbreite ist gross, und Bestandsschätzungen beruhen auf Modellen, nicht auf einer vollständigen Zählung.
Die Entwicklung macht Hoffnung. Eine Entwarnung ist sie nicht.
Dass ich den Neuntöter im Auried und im Belpmoos beobachten konnte, widerspricht dem nicht. Es zeigt vielmehr, was diese Orte ihm noch bieten: dichte Dornensträucher, offene Jagdflächen und genügend erreichbare Beute, alles nahe beieinander.
Bei meiner ersten Aufnahme musste ich lernen, genauer auf den Zeitpunkt zu achten. Beim Lebensraum lohnt sich derselbe zweite Blick.
Grün allein genügt nicht.
Mehr Bilder vom Neuntöter im Auried
Quellen
Schmid, H., R. Luder, B. Naef-Daenzer, R. Graf & N. Zbinden (1998): Schweizer Brutvogelatlas. Verbreitung der Brutvögel in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein 1993–1996. Schweizerische Vogelwarte, Sempach. Bibliografischer Nachweis · Gedruckte Ausgabe bestellen
Knaus, P. et al. (2018): Schweizer Brutvogelatlas 2013–2016. Verbreitung und Bestandsentwicklung der Vögel in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein. Schweizerische Vogelwarte, Sempach. Atlas online · Vollständiges Buch als PDF · Gedruckte Ausgabe bestellen
Schweizerische Vogelwarte: Zustand der Vogelwelt in der Schweiz 2018
Bundesamt für Umwelt und Schweizerische Vogelwarte: Rote Liste der Brutvögel 2021

